Ludwig Georg Braun (B. Braun SE): Führung heißt Verantwortung – Werte als Kompass #40
Shownotes
In dieser Episode spricht Professor Dr. Ludwig Georg Braun über die Bedeutung von Werten für wirtschaftliches Wachstum, die Verantwortung von Familienunternehmen und die Herausforderungen, vor denen die Gesundheitsbranche steht. Er teilt Einblicke in die Dimension von B. Braun, die Verantwortung für den Standort Melsungen und die ethischen Grundsätze, die das Unternehmen leiten. Zudem diskutiert er die Rolle von Innovationen, die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und die Notwendigkeit, die Jugend in die Zukunftsgestaltung einzubeziehen.
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Adlerblick: Herzlich willkommen zu unserer Jubiläumsfolge mit einem ganz besonderen Gast. Heute zu Gast: Prof. Dr. Ludwig Georg Braun, Unternehmer in fünfter Generation bei B. Braun und ehemaliger Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Vielen herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen in Melsungen sein zu dürfen. Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das Gleiche gilt für mich. Adlerblick: Danke schön. Herr Professor Braun, Sie haben einmal gesagt: „Ohne Werte kein Wachstum.“ Das ist ein Satz, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Können Sie mir erklären, was Sie damit meinen?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Klar ist: Mit wirtschaftlichem Wachstum ist in unserem heutigen Verständnis nicht nur Positives verbunden. Es sind sehr häufig ergänzende Eingriffe in die Natur, wenn man expandiert, neue Gebäude baut und so weiter. Auf der anderen Seite steht hinter Wachstum auch immer die Frage: Was mache ich mit den Produkten, nachdem sie angewandt wurden? Wie gehe ich mit dem Verbrauch von Fläche um? Sind alle Mitarbeitenden entsprechend so geprägt, dass sie nicht nur glücklich sind, einen Job zu haben, sondern sich auch bewusst sind, was es bedeutet, in dieser Welt so leben zu können, wie es durch das Einkommen in einem Wirtschaftsunternehmen möglich ist – und dass damit wiederum Eingriffe in die Natur verbunden sind, die es in der heutigen Zeit zu bewahren gilt? Adlerblick: Sie sind ein Familienunternehmen in Familienbesitz. Ist es schwieriger oder einfacher als in einem börsennotierten Unternehmen, Werte zu leben? Ist das anders?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich glaube, der Fokus in Familienunternehmen – und gerade weil sie im Moment in Deutschland in einer besonderen Diskussion stehen – ist nicht nur, dass sie über Generationen hinweg denken, nicht nur von einem Vorstandsvorsitzenden zum nächsten, sondern sie haben auch eine andere Verantwortung. Sie empfinden aus der Tradition des Unternehmens in der Regel eine besondere Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden im Unternehmen und ihren Familien – und gegebenenfalls auch in die Region hinein. Wir sind hier in Melsungen mit 14.000 Einwohnern ein Unternehmen, das automatisch, wenn Sie am Standort 6.000 Menschen beschäftigen, ein Faktor ist, der in unserer Region von großer Bedeutung ist – und damit auch eine zusätzliche Verantwortung hat. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir uns nicht übernehmen, abgestimmt vorgehen, dass wir die Einschränkungen oder Belästigungen, die andere durch unseren Zuliefer- und Auslieferverkehr empfinden, in Einklang bringen mit den anderen Bürgern – und nicht einfach sagen: „Seid doch froh, dass ihr hier einen ortsnahen Arbeitsplatz habt. Das müsst ihr hinnehmen, wenn morgens um fünf schon die LKWs anfahren.“ Das sind nur ein paar Beispiele. Dazu kommt: Eine Kommune lebt im Wesentlichen von Gewerbesteuer. Auch da gehört Kontinuität dazu und nicht viele Ups und Downs, die sofort gravierende Veränderungen in den verfügbaren Mitteln einer Kommune bringen, sodass Maßnahmen nicht so umgesetzt werden können, wie sich mancher das vorstellt – und man dann kritisiert wird, ob man das nicht alles vorher hätte wissen können. Adlerblick: Aber dieses Mitdenken für Menschen kostet doch auch viel. Wenn Sie sagen: „Ohne Werte kein Wachstum“, müsste man dann nicht auch sagen: Werte kosten Gewinn, kosten etwas? Wäre es nicht leichter ohne sie?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Man sagt immer wieder: Wenn man den Gewinn nicht als oberstes Ziel setzt … Das ist es auch bei uns nicht. Wir würden keine Produktlinie aufbauen, von der wir nicht erwarten, dass sie irgendwann Gewinn bringt – und zwar einen guten Gewinn, sodass die Entwicklungskosten gedeckt sind. Die Entwicklungskosten sind im medizintechnischen Bereich wie auch im Pharmabereich in den letzten Jahren wesentlich höher geworden als noch vor 40 oder 50 Jahren. Früher waren es einfache Produkt-Setups oder technische Prüfungen, die erfüllt werden mussten. Heute stehen dahinter enorme Aufwendungen im Vorfeld: Testungen medizintechnischer Produkte oder Pharmaprodukte bis hin zu sehr teuren Studien in ausreichender Zahl, doppelt blind, randomisiert und so weiter. Damit muss man nachweisen können, dass ein Produkt tatsächlich notwendig ist – weil man ein Preisniveau braucht, das diese Kosten einschließt – und gleichzeitig sicherstellt, dass keine Nebeneffekte eintreten, die den positiven Effekt eines Medikaments praktisch ausgleichen. Das erleben wir bei einer Vielzahl von Demenzmedikationen: Sie schaffen zwar ein Stück weit Ruhe bei besonders unruhigen Patienten, meistens auch nachts, verursachen aber bei chronischer Therapie Nebeneffekte, die eigentlich nicht notwendig wären oder vermieden werden könnten. Nicht jedes Medikament, das gut ist für die Behandlung einer spezifischen Krankheit, hilft gleichzeitig auch im allgemeinen Wohlbefinden eines Patienten.
Adlerblick: Vielleicht ist es gut, einmal einen Satz zur Dimension von B. Braun zu sagen – das hat mich in der Vorbereitung wirklich beeindruckt. Über 60.000 Mitarbeitende, 64.000 habe ich gelesen – eine Riesendimension, in etwa 60 Ländern, mit einem Umsatz von fast neun Milliarden Euro.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ja. Ich habe natürlich auch schon die Ergebnisse für 2025. Adlerblick: Wahnsinn. Und ich glaube, das ist vielen nicht so bewusst, weil B. Braun viele Produkte macht, die Privatkonsumenten nicht so häufig sehen wie zum Beispiel ein Süßwarenhersteller. Dabei betrifft das viele Arzt- und Krankenhaus-Themen: Infusionen, Spritzen, was man für Operationen oder Dialyse braucht. Kann man das so sagen – das sind die Hauptfelder?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir sind sicherlich eines der Unternehmen in der Gesundheitsbranche, nicht nur in Deutschland, das eines der breitesten Produktspektren hat und selbst herstellt. Der Anteil klassischer Handelsprodukte ist sehr gering. Wesentlich ist, dass wir zukaufen, sind OP-Handschuhe, die wir anbieten. Aber ansonsten ist B. Braun so aufgestellt, dass das, was wir anbieten, wir auch selbst herstellen. Mit dieser Breite – ich halte das immer für einen Vorteil – ist natürlich auch ein enorm hoher F&E-Bedarf verbunden, wenn Sie mit allen Produkten immer an der Spitze bleiben wollen. Andererseits: Wenn Sie Weiterentwicklungen zum Beispiel in Nahtmaterialien haben, können Sie bei Registrierungen bestimmte Rückgriffe nehmen auf schon Erarbeitetes und somit einen Teil des Geldes sparen. Das ist ein Effekt, der zeigt: Multiple Use oder Anwendung von Produkten ist ein Thema für uns, um mit den ganz Großen in der Welt mithalten zu können. Adlerblick: Mit über 60.000 Mitarbeitenden ist man ja schon recht groß. Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ja, aber immer noch ein Mittelständler. Auch wenn das aus deutscher Sicht groß gilt: Gegenüber großen Konzernen in der Welt sind wir ein No-Name. Adlerblick: Ich habe ChatGPT gefragt, wer der Hauptwettbewerber für B. Braun ist. ChatGPT sagte, man könne das so nicht sagen, weil es immer unterschiedliche Felder sind und unterschiedliche Wettbewerbssituationen. Sehen Sie das auch so? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das ist so. Aber als Gesamt-Krankenhauslieferant – nennen wir es mal so – gibt es dann doch große Amerikaner: Medtronic gehört dazu, Baxter gehört dazu. In Deutschland oder Europa ist es Fresenius, die zwar anders aufgestellt sind, aber auch mit breiter Palette im Gesundheitsmarkt unterwegs sind.
Adlerblick: Ich würde gerne einmal dazu kommen, wie wir zueinander gekommen sind. Zusammengebracht hat uns Dr. Klaus-Dieter John von Diospi Suyana aus Peru – ein Arzt, der ein Krankenhaus aufgebaut hat. Sie kennen ihn ja auch schon seit vielen Jahren. Wie kam es dazu? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: In meiner Berufskarriere bin ich auch in Brasilien gewesen und war verantwortlich für Südamerika. Da wir als Unternehmen schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sehr intensiv auch in Südamerika tätig waren und von dort teilweise Rohstoffe bezogen haben, lag es nahe, dass wir dort auch mit eigenen Unternehmen tätig sind – so auch in Peru. Und eines Tages erreichte uns der Wunsch: „Könnt ihr uns mit Infusionslösungen helfen? Wir haben hier ein kleines Krankenhaus aufgebaut und behandeln die indigene Bevölkerung mehr oder weniger gegen einen symbolischen Betrag.“ So sind wir geblieben. Aus Peru haben wir dann mit Infusionslösungen geholfen – das tun wir nach meinem Wissen auch heute noch. Und dann ging es weiter: „Wir brauchen Hilfen für den Operationsraum.“ Wenn jemand teilweise wochenlang mühsam zu Fuß zu einem solchen Krankenhaus aus entlegenen Regionen in den Bergen läuft oder von Verwandten dorthin getragen wird, kann man den nicht wegschicken und sagen: „Wir können Ihnen nicht helfen.“ Also musste etwas passieren – und da ging es dann um chirurgische Instrumente.
Adlerblick: Wir können heute sagen, dass das Krankenhaus in Diospi Suyana auf dem besten Stand europäischer Technik steht. Das ist beeindruckend. Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Beeindruckend.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Die Aufgabe ist nicht nur, dass man dort Räume hat und ein Dach über dem Kopf, sondern auch die Qualität der Medizin ist sicherlich mit Spitzenkrankenhäusern in Lima vergleichbar. Natürlich auch deshalb, weil es sich um amerikanische und europäische Ärzte handelt, die bereit sind, freiwillig ein, zwei oder drei Jahre dort zu bleiben und sich einzubringen. Adlerblick: Kann man sagen: absolutes Weltniveau? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ja. Adlerblick: Und Sie haben ja Feuer gefangen für dieses Thema. Ich vermute, dass viele … Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Hinter dem Ganzen steht natürlich ein christlicher Geist – ich möchte es so sagen – nämlich Nächstenliebe: nicht nur Wunden, seelische oder körperliche, zu heilen, sondern im Grunde genommen auch die Menschen der Region zu stärken. Dazu gehört auch Bildung: lesen und schreiben zu können, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Gleichzeitig werden Menschen durch diese intensive Betreuung und Ausbildung auch mit Werten ausgestattet – in der Hoffnung, dass sie diese in die Gesellschaft hineintragen und über den Kreis der Familie hinausdenken. Wenn man in der Einöde in den Anden lebt, geht es im Wesentlichen darum, die Familie zu ernähren. Und wenn der wichtigste Mensch der Familie ausfällt, ist das ein gravierender Notfall. In den Bergen dort oben war und ist es nicht so, dass es soziale Hilfswerke gibt wie bei uns. Noch schlimmer wird es, wenn der Hauptverdiener alkoholisiert oder abhängig wird. Auch das ist eines der Hauptthemen von Diospi Suyana und dem, was Dr. John und sein Team geschafft haben: mit Botschaften, die regelmäßig ausgestrahlt werden, und Festen, die gefeiert werden – dieses Zusammengehörigkeitsgefühl derer, die so weit auseinander leben. Adlerblick: Und Sie sind ja auch persönlich dort gewesen.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich bin mehrmals dort gewesen, auch mit meiner Frau zusammen. Das zeigt, zu was der Mensch fähig ist, wenn er sich etwas vornimmt. Wenn Sie John vor 50 Jahren gefragt hätten, ob es sein Ziel ist, so etwas zu errichten – ich weiß nicht, ob er das überhaupt auf dem Schirm hatte. Er hat die Gegend kennengelernt, gesehen und gesagt: Da gehen wir hin. Da helfen wir mit dem, was uns ermöglicht wurde, dadurch, dass wir eine Ausbildung haben. Und so gilt es auch für mich hier in der Region: kommunalpolitisch tätig zu sein oder mich in kirchlichen Organisationen einzubringen. Wir können von unserem Wissen andere teilhaben lassen. Und dieses Wissen beinhaltet auch, dass wir unsere ethischen Grundsätze einhalten. Adlerblick: Dann kommen wir doch einmal zu den ethischen Grundsätzen. Wie kann man sich das vorstellen – Werte in einem Unternehmen praktisch zu leben? Das eine ist ja ein Plakat an die Wand zu hängen. Das haben mittlerweile viele Unternehmen. Aber mein Eindruck ist: Bei B. Braun steht das nicht nur an der Wand.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir haben keine Kurse, in denen wir sagen: Das und jenes erwarten wir von euch. Wir haben natürlich unseren Kodex im Grundprinzip. Aber das Entscheidende ist: Wenn eine Familie – wir sind Familienunternehmen und wollen es auch bleiben, mit den Limitierungen, die damit gegeben sind – dann muss die Familie das vorleben. Ich bin hier groß geworden, war hier in der Grundschule, dann am Gymnasium. Ich habe Prüfungen gemacht wie alle anderen. Und so gilt es auch für meine Kinder: Sie haben ihre Verbindung nach Melsungen und in die Bevölkerung hinein unabhängig davon gehalten, ob jemand arm ist – das spielt keine Rolle. Darauf kann man sich verlassen. Und ich glaube, das macht einen besonderen Wert der Familienunternehmen in Deutschland aus. Ich kenne kaum ein Familienunternehmen, das sich von seiner Umgebung abkapselt. Dann kann es sich eigentlich gar nicht so nennen. Denn Familie ist größer als nur die eigenen Kinder – sie ist auch ein Stück weit die Region. Sie erleben das: Sie sind irgendwo im Urlaub und sehen ein Nummernschild aus der Heimatregion – sofort entsteht ein anderes Vertrauensverhältnis. Das zeigt die Verbundenheit in einer Region. Regionen mit vielen Familienunternehmen kommen besser durch Krisen. Adlerblick: Können denn börsennotierte Unternehmen … ist das schwerer in börsennotierten?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das ist deutlich schwerer, weil die Vorstände dort eine Pflicht haben: Kapital wurde zur Verfügung gestellt in Erwartung von Dividende und Wertsteigerung. Wir legen auch Wert darauf, dass der Wert unseres Unternehmens nicht weniger wird, sondern sich hält. Aber wir haben nicht die Zielsetzung, dass Wertsteigerung höher ist als die Dividende und die Dividende nur ein Zubrot ist. Uns geht es eher um Kontinuität. Dazu ist Innovation notwendig: nicht nur Produkte, sondern auch Verfahren und Methoden. Die vornehmste Aufgabe des Unternehmers – des Familienunternehmers – ist es, für die Produkte von morgen zu sorgen. Das ist in einem Börsennotierten mit Quartalsverantwortung schwieriger. Adlerblick: Ich würde gern noch einmal zurückkommen: Wie bringt man Werte in einer Organisation wirklich durch? Zwischen der Familie und über 60.000 Mitarbeitenden ist ja ein riesiger Weg. Wie findet man dann Führungskräfte?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir haben versucht, eine möglichst flache Hierarchie zu behalten, damit man schnell an denen ist, die die Arbeit machen. Und die Führungskräfte müssen die Werte, die das Unternehmen repräsentiert, verinnerlicht haben – sie müssen nicht besonders christlich geprägt sein, aber Werte leben. Wichtig ist: Wenn etwas nicht funktioniert, dann möglichst früh sehen: Wir müssen umsteuern. Nicht: „Ihr seid schuld“, sondern: Es hat trotz Mühe nicht funktioniert, ein Wettbewerber war besser oder etwas anderes. Der Erfolg hat viele Väter, und der Misserfolg keine Mutter. Bei der Rekrutierung ist es einfacher, wenn man intern ausbildet. Aber wir brauchen auch Spezialisten von außen. Die bewerben sich heute in der Regel nicht mehr breit auf alles, sondern wählen bewusster – sie kommen mit einer Erwartung: nicht nur gut verdienen, sondern sich entwickeln, gefordert sein, Entscheidungen treffen können. Ohne entscheidungsfreudige Mitarbeitende können Sie keine flache Hierarchie halten. Adlerblick: Gab es da auch Enttäuschungen – leitende Mitarbeitende, die die Werte nicht geteilt haben?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das gibt es immer mal. Manche werden vom Ehrgeiz getrieben und wollen mehr sein, als sie leisten können. Oder Tandemstrukturen funktionieren gut – und wenn der eigentliche Lenker weg ist, merkt man, der andere kann es nicht so. Dann ist es schwer, in Achtung der Person Lösungen zu finden. Oft hilft es, nach drei Jahren zu erkennen, ob jemand wirklich das Potenzial hat, langfristig zu bleiben. Dazu gehört auch Flexibilität: Auslandsaufenthalte, lebenslanges Lernen, Offenheit für andere Kulturen. Wir sind bunt geworden, und als internationaler Konzern muss man mit diesen Kulturen zurechtkommen, sie verstehen, nicht nur sagen: „Wir wissen alles besser.“ Adlerblick: Und B. Braun hat einen Großteil der Mitarbeitenden außerhalb Deutschlands?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ja. In Deutschland ungefähr ein Drittel, der Rest ist über Kontinente verteilt. Adlerblick: In der Medizintechnik ist sehr viel möglich. Nicht alles, was möglich ist, ist automatisch gut. Gibt es Linien, wo Sie sagen: Da gehen wir nicht mit?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir mussten nicht an einer Atombombe basteln – das ist außerhalb unserer Größenordnung. Ich respektiere die Raketenbauer, die den Tourismus ins Weltall möglich machen, aber ich wäre nicht derjenige gewesen, der unbedingt eine wiederverwendbare Rakete bauen muss – obwohl ich großen Respekt vor der Arbeit habe, die zeigt, was konsequente, zielorientierte Entwicklung möglich macht. Wettbewerb ist wichtig. Ich habe für eine Stiftung einen Kindergarten bauen können, den wir der Stadt zur Verfügung gestellt haben – der ist mit halben Kosten entstanden, bei gleicher oder besserer Qualität als einer, der von der öffentlichen Hand gebaut wird. Das hängt mit Strukturen und Vergabeordnungen zusammen. Ich will nicht sagen, die öffentliche Hand baut überteuert, aber die Strukturen erzeugen andere Kosten. Und deshalb sage ich: Wir sind glücklich, dass wir in unserem Land diese große Struktur der Familienunternehmen haben. Adlerblick: In Ihrem Wikipedia-Eintrag steht, dass Sie Christ sind …
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich bin getauft worden, weil meine Eltern mich getauft haben. Ich bin über kirchliche Organisationen, die uns das Christentum nähergebracht haben – Jungschar und so weiter – geprägt worden. Auch wenn es Ups und Downs gibt, das prägt. In der Familie gab es das Tischgebet – dann gibt man das weiter, an den Anlässen, an denen es sinnvoll ist.
Adlerblick: Und das gibt es bei Ihnen zu Hause auch? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das versuche ich zu tun. Meine Kinder sind engagiert, jeder auf seine Art. Es ist eine Resilienz vorhanden, wie man heute sagt – aber eben unterschiedlich. Ich frage mich immer wieder: Was ist der Antrieb? Warum machst du dies oder jenes? Warum sind die Jünger Jesus gefolgt? Alles hinter sich lassen und überzeugt sein, dass dieses Sendungsbewusstsein sinnvoll ist. Ich habe mir immer gesagt: Das ist eine Richtschnur, der du leben kannst in dieser Welt. Und dann bist du angenommen durch Gottes Liebe.
Adlerblick: Das ist ein guter Gedanke. Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich mache nie etwas aus Berechnung – jedenfalls versuche ich es nicht. Natürlich gibt es Bereiche, wo man berechnet, zum Beispiel im Sport: Ich bin Marathonläufer. Ich weiß, man darf am Anfang nicht überpacen. Ich habe über 125 Marathons gelaufen und nie einen abbrechen müssen. Ich sage immer: Was immer du tust, bedenke das Ende. Adlerblick: Das klingt nach Dankbarkeit.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich bin dankbar, dass ich die Grundsteine, die über Generationen gelegt wurden, weiterführen konnte. Es war eine glückliche Zeit – Gott sei Dank ein Abschnitt des Friedens. Europa zu nutzen war eine Chance. Ich war und bin ein großer Anhänger der europäischen Idee. Leider haben wir nach Gründung der Europäischen Union im Bildungssektor zu wenig integriert. Ich wollte eine europäische Schul- und Universitätsstruktur schaffen – eine Université européenne, mit Landessprache und Englisch, sodass ein Wechsel leichter wäre. Adlerblick: Das ist sehr international gedacht.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ja. Ich habe auch erlebt, wie man sich einsetzen kann und Lösungen findet. Nach 1989 habe ich mithelfen können, die Krankenhauslandschaft in den neuen Bundesländern mit zu beeinflussen. In Weimar haben wir es geschafft, dass das christliche Proprium in einer neuen gemeinsamen Klinik erhalten blieb. Wenn man sich einsetzt, findet man Lösungen – aber es waren auch harte Aufgaben. Adlerblick: Sie haben ja in Ihrer Zeit als DIHK-Präsident auch die Kanzlerschaft von Angela Merkel miterlebt. Rückblickend: Wie bewerten Sie die Kanzlerschaft von Frau Merkel?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Auch Schröder noch. Ich möchte dazu nicht antworten.
Adlerblick: Okay, dann gehen wir einen Schritt weiter: Wo sehen Sie in der globalisierten Welt die größten ethischen Spannungsfelder?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir haben Machtansprüche. China war von seiner Größe her lange unterrepräsentiert im weltpolitischen Geschehen. Das hat historische Gründe. Die USA sind anders gewachsen – dort galt: Du überlebst oder du gehst unter. Viele suchten Zuflucht, religiös geprägt, mit Gottvertrauen. Das erklärt Unterschiede. Ich bin kein Anhänger der erratischen Politik von Trump. Aber man muss verstehen: Viele, die ihn wählen, wollen Anerkennung zurück. Und das ist eingebettet in religiöse Prägungen und ein Verständnis von „Liebe zum Land“, auch wenn dabei große Fehler passieren. Auch Indien hat viele Jahre verloren – durch übertriebenen Nationalismus. Jetzt scheinen sie sich zu öffnen. Aber Spannungen bleiben. Wir müssen sehen, dass wir nicht nur materiell vom Handel profitieren und dann glauben, uns abgrenzen zu können, wenn wir einen gewissen Status erreicht haben. Anstelle sich zu öffnen und Wettbewerb zuzulassen. Adlerblick: Was ist die Rolle Deutschlands in diesem Gefüge?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wir sind nur eine kleine Nation. Unsere Kapazitäten gehen weit über das hinaus, was wir selbst konsumieren. Das hängt damit zusammen, dass wir fleißig waren, organisiert nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, konstant investiert und modernisiert haben. Wir haben das in der Ära Merkel verloren. Adlerblick: Wie optimistisch sind Sie für die Zukunft Deutschlands?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Wenn man Fehler erkennt, kann man sie ändern. Adlerblick: Ist das erkannt? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Ich glaube, das haben noch nicht alle erkannt.
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Es wird oft auf andere gezeigt. Koalitionen versprechen Fortschritt, ohne Konsequenzen durchzudenken. Transformation, „disruptiv“ – große Worte. Aber man müsste sich auf wenige Reformen verpflichten und diese konsequent umsetzen, statt hunderte Seiten Koalitionspapier, aus denen jeder seine Interpretation zieht. Wir bräuchten klare Maßnahmen: Steuerfreigrenzen deutlich anheben, Arbeits- und Lebensarbeitszeit reformieren, ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr, das Menschen befähigt – zum Beispiel in Pflege, Feuerwehr, DLRG. Auch für die Bundeswehr: drei Monate Grunddienst, dann Spezialisierungen, Logistik, Führerscheine – und auch junge Asylsuchende einbeziehen.
Adlerblick: Das ist eine gute Idee. Die gefällt mir. Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Das sehen Sie? Können Sie machen. Adlerblick: Wir kommen zur Schlussgeraden. Was würden Sie einem jüngeren Menschen raten, der auf der Suche ist: Wie sollte er Ausbildung und Beruf angehen?
Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Die jungen Menschen wachsen mit Digitalisierung auf – Tablets, Smartphones, IT. Es wäre ein Fehler, das zu ignorieren. Sie müssen mit diesen Instrumenten umgehen können, bis hin zu KI. Zukunftsberufe erlernen – das ist vieles im Bereich Digitalisierung. Ziele setzen. Abschlüsse machen. Und bereit sein, Freizeit abzugeben und sich einzubringen. Gap Years respektiere ich – das kann wertvoll sein. Aber man sollte es bewusst gestalten, zum Beispiel Sprachen lernen, Erfahrungen sammeln, die später tragen. Ich stehe zur Seite, aber nicht im Weg. Adlerblick: Letzte Frage, Herr Professor Braun – die stelle ich am Ende jeder Folge: Wenn Sie einen Wunsch an Christinnen und Christen in Deutschland haben: Was wünschen Sie sich? Prof. Dr. Ludwig Georg Braun: Keine Angst haben, dass die Welt untergeht. Adlerblick: Das ist ein schönes Schlusswort. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.
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